Mittwoch, 1. Dezember 2010

Hexenfeuer

Morgens gegen fünf klingelt unser Wecker. Ein paar Minuten gönnen wir uns noch, unsere schlafwarme Nähe zu genießen, dann aber gilt es, den Tag mutig bei den Hörnern zu packen. Die Pflicht ruft, denn 6.00 Uhr muss mein Liebster auf Arbeit sein. Da gibt es keine Diskussion. Bei ihm.
Mein noch müder Kopf aber fragt mich jeden Morgen, ob ich denn noch bei Troste bin.
Ich bin Nachtmensch, meine kreativsten Zeiten hatte ich immer in den ruhigen, dunklen Stunden um Mitternacht. Klar, dass er da protestiert und trotz Massen an Kaffee immer noch auf sein Recht auf Arbeitsverweigerung pocht.
"Du kannst mir Disziplin aufzwingen," sagt er mir." Nicht aber Kreativität."
Also habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, ihn mit einer morgendlichen Flammenschau zu besänftigen.
Es gibt viele Rituale, bei denen man beim Betrachten einer Kerzenflamme seinen Geist lehrt, die wirren Gedanken zum Schweigen bringt und eine ruhige, friedliche Leere erzeugt, die sich dann gezielt füllen lässt. 
Aber bei Elfens wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Eine Kerze? Lächerlich! Ein richtiges Feuer muss her.
Deshalb haben wir jetzt einen Wandkamin, in dem eine bioethanolgefütterte Flamme brennt. Sie knistert nicht, sie duftet nicht nach harzigem Holz - aber sie ist echt und sie ist groß.
Ich schiebe mir meinen Sessel davor, kuschele mich unter eine warme Decke, in einer Hand meinen dampfenden Kaffee, in der anderen - ebenfalls dampfend - eine Zigarette. 
So schaue ich, wie die Flammenzungen im Rhythmus von Hagalaz Runedance tanzen. Ich stelle mir vor, sie wären Akteuere auf einer Bühne. Sie umschmeicheln sich sehnsüchtig, umarmen sich, verschmelzen. Dann - plötzlich - stoßen sie sich voneinander ab und kämpfen heftig miteinander. Um sich schließlich wieder zu vereinen. Voller Leidenschaft. Und ich denke, dass ich so leben möchte. So lieben.
Irgendwann schließe ich die Augen, lausche nur noch der Musik und mein Kopf ist leer. Ich konzentriere mich auf meinen Körper, erspüre ihn und atme alle Unruhe aus ihm heraus und die Energie des Universums in mich ein. 
Bis ich weiß, dass jetzt auch mein Tag beginnen kann.

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